"Da fehlten die letzte Konsequenz und der absolute Wille"

Interview in der Zeitung "Die Botschaft" vom 13. Mai 2026

Die Hoffnung auf den Aufstieg in die QHL lebte beim HSG Baden-Endingen bis in die letzten Minuten. Doch im letzten Saisonspiel unterlagen die Aargauer gegen CS Chênois Genève Handball mit 28:30. Geschäftsführer von Baden-Endingen, Roger Küng, blickt auf das äusserst unglückliche Saisonende zurück und erklärt, was in dieser Spielzeit für einen erfolgreichen Abschluss gefehlt hat – und was es nun braucht.

Herr Küng, der Aufstieg wurde denkbar knapp verpasst. Wie gross ist die Enttäuschung darüber?

Summa summarum muss man sagen: Mit einem Sieg im letzten Spiel gegen Genf hätten wir es in der eigenen Hand gehabt, den dritten Platz zu erreichen. Fünf Minuten vor Schluss lagen wir noch mit vier Toren vorne und waren dem Ziel sehr nahe. Dann wären wir auf Rang drei von insgesamt 14 Teams gewesen und hätten den Aufstieg geschafft. Auf dem Papier hätte das natürlich sehr gut ausgesehen. Aber wenn man kritisch ist, war die Saison nicht ganz so goldig, wie es das Schlussresultat vielleicht vermuten lässt. Wir hatten zwischendurch gute Spiele, aber auch viele weniger gute. Es schmerzt natürlich, dass es nun für die QHL nicht gereicht hat. 

Worin sehen Sie die Gründe, dass die Mannschaft die Erwartungen nicht ganz erfüllt hat?

Es ist immer schwierig zu sagen, warum eine Saison nicht zufriedenstellend verläuft. Ich bin niemand, der einfach mit dem Finger auf einzelne Personen zeigt. Am Ende hat das Zusammenspiel gefehlt – zwischen Trainer und Mannschaft mit den Führungsspielern. Schliesslich entscheidet genau das darüber, ob man enge Spiele gewinnt oder nicht. Wir hatten einige solche Spiele in dieser Saison. In Genf hatten wir nach einer fuluminanten Aufholjagd und heroischem Kampf in der Defensive die zwei Punkte praktisch auf dem Silbertablett serviert. Der Schluss war symptomatisch dafür, dass wir oft nahe dran waren, es aber nicht nach Hause bringen konnten. Gleichzeitig gab es aber auch andere Spiele, in denen wir die nötigen Punkte hätten holen können. Dann hätten wir in Genf gar kein Zitterspiel mehr gehabt.

Was heisst das?

Damit meine ich: Als Gesamtgefüge haben wir zu wenig gut zusammengearbeitet und das Potenzial der Mannschaft nicht vollständig ausgeschöpft. Trainer Pedjan Milicic war neu im Team. Zuvor war er Junioren-Nationaltrainer und fünf Jahre in Horgen tätig, wo er gute Arbeit geleistet hat. Er wollte die Mannschaft weiterbringen und hatte eine klare Vorstellung davon, wie Handball gespielt werden soll. Ich glaube aber, dass die Mannschaft den Handball, den er spielen wollte, zunächst noch nicht umsetzen konnte.

Warum?

Das hing auch damit zusammen, dass der Trainer ein Spielsystem etablieren wollte, das nicht optimal zu den vorhandenen Spielertypen passte. Wenn man zwei oder drei Jahre zusammenarbeitet, weiss man besser, was die Spieler brauchen. Übernimmt man ein neues Team, braucht auch der Trainer Zeit. Es war deshalb richtig, dass der Trainer zu Beginn an seiner Idee festhielt – auch wenn der Erfolg nicht sofort kam. Man versucht schliesslich, die eigene Vorstellung umzusetzen. Im Nachhinein muss man aber sagen, dass wir zu lange daran festgehalten haben. Irgendwann muss man das System auch an die Spieler anpassen. Rückblickend haben wir dadurch zu viel Zeit und zu viele Punkte verloren. Das war ein Faktor für den Saisonverlauf.

Gab es weitere?

Ein weiterer Faktor war, dass die Mannschaft neben dem Feld zwar funktioniert hat, auf dem Feld aber zu wenig eine Einheit war. Genau diese Geschlossenheit braucht es, um enge Spiele zu gewinnen. Da fehlten die letzte Konsequenz und der absolute Wille, solche Spiele auf unsere Seite zu ziehen.

War ein Grund dafür, dass die Führungsspieler kein volles Vertrauen in den Trainer hatten und sich dieses Gefühl auf die jungen, unerfahrenen Spieler übertrug?

Es ist durchaus möglich, dass gewisse Führungsspieler und Routiniers nicht vollständig an das Spielsystem geglaubt haben – und dass die jüngeren Spieler das gespürt haben. Teilweise haben die erfahrenen Spieler ihre Rolle nicht zu hundert Prozent wahrgenommen. Da zeigten jüngere Spieler mehr Einsatzbereitschaft und zogen die Älteren mit. Eigentlich müsste es umgekehrt sein.

Wurden deswegen intern Gespräch geführt?

Ja, es gab Einzelgespräche und Teamgespräche. Man muss zur Verteidigung der Mannschaft auch sagen, dass die Nati B mittlerweile ein sehr ansprechendes Niveau erreicht hat. Dort spielen viele Nachwuchsteams wie Schaffhausen oder Winterthur, die intensiv trainieren und sehr schnellen sowie intelligenten Handball spielen. Das macht es auch für Routiniers nicht einfach. Die Liga ist in den letzten fünf Jahren deutlich ausgeglichener geworden. Genau deshalb ist es wichtig, den Unterschied mit Qualität und Erfahrung auszumachen und der Mannschaft in entscheidenden Momenten den Stempel aufzudrücken.

Baden-Endingen hatte mit 877 Toren in 26 Spielen die beste Offensive in der Liga.

Stimmt. Das lag aber weniger am Spielsystem als vielmehr an der individuellen Qualität im Angriff. Die Spieler fanden vorne oft Lösungen. Der Trainer wollte allerdings, dass die Mannschaft gemeinsam Lösungen erarbeitet und nicht nur Einzelaktionen sucht. In dieser Hinsicht haben wir Fortschritte gemacht in den letzten zwei Jahren: Wir haben mehr miteinander gespielt und schneller Handball gezeigt als früher. Das Hauptproblem war letztlich das Defensivsystem.

Inwiefern? 

Wir haben zu lange nicht das richtige System gefunden, und die Spieler fühlten sich darin nicht wohl. Das ist natürlich frustrierend: Vorne schiesst man ein Tor, doch 15 Sekunden später kassiert man hinten wieder eines, weil jemand falsch steht oder sich die Mitspieler missverstehen. Was uns in dieser Saison vor allem gefehlt hat, war ein klarer Abwehrchef: jemand, der hinten die Löcher stopft und jedem genau sagt, wo er stehen muss. Diesen Charaktertyp hatten wir nicht. Dadurch entstand eine gewisse Eigendynamik, bei der jeder versuchte, es selbst zu lösen.

Wie reagiert man nun darauf für die kommende Saison?

Wir haben intensiv die Fühler ausgestreckt, viele Gespräche geführt und Igor Cagalj von GC aus der QHL verpflichtet. Er ist genau dieser Abwehrchef und Stratege. Ohne ihn lief bei GC in der Deckung nicht mehr viel. Gleichzeitig ist er ein kämpferisches Vorbild, steht wie ein Fels in der Brandung in der Mannschaft und geht voraus. Mit seiner Bundesliga-Erfahrung kann er den Mitspielern den richtigen Handball in der Defensive vermitteln, um erfolgreich zu sein. Mit seiner Grösse und Kraft kann er auch offensiv wichtige Sperren setzen. Zusammen mit unseren Aufbauspielern wird er vorne Lösungen finden. Er ist ein enorm wichtiger Baustein in unserem Konstrukt.

Welche Rolle spielt Neuzugang Joao Ferraz?

Er ist ein echter Glücksgriff. Genau wie Igor bringt auch er unglaublich viel Erfahrung mit. Er wird uns helfen, als Team zu wachsen, die jungen Spieler inspirieren und ihnen wichtige Dinge mitgeben. Beide werden extrem wichtig sein. Auch im direkten Zusammenspiel harmonieren sie sehr gut. Joao braucht einen Kreisläufer wie Igor. Gleichzeitig weiss ich, dass Joao ein hervorragender Defensivspieler ist. Beide schaffen die Voraussetzungen dafür, dass wir uns in der Deckung deutlich verbessern können. Zudem haben wir weitere starke Defensivspieler im Kader. Ich bin überzeugt, dass wir im Deckungssystem einen Schritt nach vorne machen werden.

Mit welchen Perspektiven konnten sie die beiden überzeugen sich dem Klub anzuschliessen?

Es ist nicht selbstverständlich, dass ein Spieler wie Joao Ferraz mit Olympia- und Weltmeisterschaftserfahrung anschliessend in die NLB kommt. Beide hätten auch andere Möglichkeiten gehabt. Sie sagen selbst, dass man in einem früheren Stadium der Karriere anderen Idealen nachrennt als heute. Früher ging es eher um Geld oder um Klubs mit grösserem Renommee. Heute sind ihnen andere Werte wichtig: etwas aufzubauen, jungen Spielern etwas mitzugeben und als Vorbild zu wirken. Gleichzeitig spielt auch die Ambition eine Rolle: Vielleicht ist es auf den ersten Blick ein Schritt zurück, aber genau deshalb wollen sie gemeinsam wieder einen Schritt nach vorne machen und aufsteigen. Das eröffnet neue Perspektiven. Sie sehen grosses Potenzial in Baden-Endingen. Ich weiss, dass beide auch Angebote aus der QHL hatten.

Wie wichtig ist Ihnen dabei die Förderung junger und regionaler Spieler?

Das ist für uns ein ganz zentraler Punkt. Wir haben bei der Kaderzusammenstellung bewusst darauf geachtet, erfahrene Führungsspieler mit jungen, regionalen Talenten zu kombinieren. Spieler wie Igor Cagalj oder Joao Ferraz sollen nicht nur sportlich helfen, sondern auch als Mentoren wirken und den jungen Spielern täglich etwas weitergeben. Besonders freut es uns, dass wir mit Janis Thomann einem erst 17 jährigen Junioren Nationalspieler aus dem eigenen Nachwuchs bereits eine tragende Rolle zutrauen. Das zeigt, dass sich die Nachwuchsarbeit in der Region auszahlt. Auch Nick Brouwer oder Robin Köchli aus Wettingen, der aus der QHL vom HSC Suhr Aarau zu uns stösst, stehen sinnbildlich für diesen Weg. Wir wollen nicht einfach nur kurzfristig Erfolg einkaufen, sondern eine Mannschaft formen, die Identifikation schafft und in der junge Spieler aus der Region den nächsten Schritt machen können.

Aleksandar Stevic wurde kürzlich als neuer Trainer vorgestellt. Wodurch hat er Sie überzeugt?

Am Tag nachdem bekannt wurde, dass der HC Suhr Aarau und Aleksandar Stevic getrennte Wege gehen, habe ich ihn angerufen. Selbst wenn sich daraus nichts ergeben hätte, wollte ich ihn kennenlernen. Aus dem ersten Gespräch wurden dann mehrere. Er hat mich mit verschiedenen Punkten überzeugt, vor allem dort, wo wir in den vergangenen Jahren nicht immer optimal aufgestellt waren – insbesondere in der Kommunikation. Ich habe gespürt, dass er sehr gut zuhören kann und auf Menschen eingeht. Gleichzeitig verfügt er über enormes Handballwissen und kommuniziert klar und verständlich. Es ist nicht wischiwaschi – man versteht sofort, was er meint. Zudem ist er kompromissbereit und sucht gemeinsam nach Lösungen. Diese Eigenschaften haben mich sehr überzeugt.

Was ist das Saisonziel 2026/27 mit ihm?

Das Ziel bleibt weiterhin der Aufstieg. Das wichtigste Kriterium, an dem wir den Trainer messen, ist jedoch die richtige Entwicklung. Das bedeutet: Die Mannschaft soll auf dem Feld wachsen, besser aufeinander hören und reagieren sowie neue Strategien für die Zukunft entwickeln.

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